Liebesgedichte


Detlev von Liliencron
Was ist die Liebe? Ist's ein heller Stern,
Der plötzlich leuchtet, den wir nie geschaut?
Ist's ein Erinnern, das unnennbar fern
Uns dünkt und nun in unserer Seele taut,
Jäh aus der Schale springt und einen Kern
Uns zeigt, so voller Süße, daß uns graut?
Ich bin dir gut. Du bist mir gut. Nichts weiter.
Dann klimmen wir hinauf die Himmelsleiter.

Agnes Franz
Könnt' ich Dein vergessen,
Meines Lebens Licht?
Müßte von den Freuden
Der Erinn'rung scheiden,
Jeden Klang vermeiden,
Der zum Herzen spricht!

Könnt' ich Dein vergessen,
Meines Lebens Licht?
Alle Lichtgestalten,
Die sich mir entfalten,
Müßten bleich erkalten
Wie ein Traumgesicht.

Könnt' ich Dein vergessen,
Meines Lebens Licht?
Müßt' von Lied und Tönen,
Ach, von allem Schönen
Aug' und Ohr entwöhnen,
Flieh'n der Schöpfung Licht.

Könnt' ich Dein vergessen,
Meines Lebens Licht? -
Schweigend, ohne Klagen
Kann ich Leid ertragen,
Sterben wohl, entsagen,
Doch - vergessen nicht!

Max Dauthendey
Der graue Tag
Legt seine Wolken an meine Brust,
Mein Herz steht leer.
Mein Herz ist dunkel und wolkenschwer,
Ich habe so lange nicht mehr geküsst,
Ich küsse so gerne.
Lippen und Seele warten auf dich,
Du Herz der Ferne.

August Wilhelm von Schlegel
Ja, ich gestehe mir es mit Entzücken,
Ich bin dir hingegeben:
Doch, süßer Freund, bewahr' es wie dein Leben.

Der Lieb' ist nichts so eigen,
Als sich mit holder Schüchternheit umschleiern.
Hat sie schon nicht zu sorgen,
Und dürfte kühn sich zeigen,
Will sie geheim doch ihre Weihe feiern
Und bricht der helle Morgen
Auf günst'ge Schatten ein, die sie verborgen
So wird verstört, mit Beben,
Auch ihrer Träume zartester entschweben.

Ich scheue nicht das Necken
Gespitzter Zungen, noch des Pöbels Tadel.
Das wollt' ich muthig leiden
Uns aller Welt entdecken,
Stolz auf die Wahl und meines Herzens Adel.
Allein von diesen Freuden
Beneid' ich Andern selber das Beneiden,
Kein fremder Sinn soll streben,
Zur Ahndung unsers Glücks sich zu erheben.

Wohl muß es bitter schmerzen,
Erlischt, in des Vergeßens Strom getauchet,
Der Liebe schönes Glühen.
Doch wenn aus stillem Herzen
Du von den Lippen erst das Wort gehauchet,
Kannst du's zurück nicht ziehen:
Drum werde nimmer dem Verrath verziehen;
Vergeßen sei vergeben,
Wenn neue Wünsche seinen Schlaf beleben.

Es drängen sich die Seelen
Der Liebenden im Blick an's Licht der Sonne,
Wie hinter Schloß und Riegel;
Sie innigst zu vermählen,
Erschließet erst der Kuß das Thor der Wonne,
Und löset ihre Flügel.
Jetzt aber sei dir dieser Kuß als Siegel
Des Schweigens mitgegeben,
Das keine Macht vermöge wegzuheben.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
Du bist die Sonne, die nicht untergeht;
Du bist der Mond, der stets am Himmel steht;
Du bist der Stern, der, wenn die andern dunkeln,
Noch überstrahlt den Tag mit seinem Funkeln;

Du bist das sonnenlose Morgenrot;
Ein heitrer Tag, den keine Nacht bedroht;
Der Freud und Hoffnung Widerschein auf Erden -
Das bist du mir, was kannst du mehr noch werden?

Clemens Brentano
Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.

Ich sing und kann nicht weinen
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein
Solang der Mond wird scheinen.

Das wir zusammen waren
Da sang die Nachtigall,
Nun mahnet mir ihr Schall,
Dass du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen,
Denk ich wohl dein allein,
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen.

Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall,
Ich denk bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen,
Hier spinn ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing und möchte weinen!

Klamer Schmidt
Einmal, Einmal liebt man nur;
Zweimal lieben ist vergebens.
Einmal, Einmal liebt man nur:
Aber dann – Triumph des Lebens!
Ach! ein Himmel, voll des Gebens,
Voll des Nehmens folgt dem Schwur!
Einmal, Einmal liebt man nur;
Zweimal lieben ist vergebens!

Liebesgedichte ... "Im Mittelalter wurde über die sogenannte „minne“ gedichtet und gesungen und einige dieser Reime lassen sich noch heute als Liebesgedicht verwenden – auch wenn manche nicht ganz deckungsgleich sind mit unserem Verständnis von Liebe. Doch auch nach dem Mittelalter wurden noch zahlreiche Liebesgedichte produziert. Große Dichter und Denker wie Goethe, Schiller oder Morgenstern schrieben über die Liebe und diese Tradition hält bis zur Neuzeit an. Man muss sich dafür nur die Texte der aktuellen Musikcharts anschauen. In einem Großteil der Lieder geht es um die Liebe in all ihren Formen und mit all ihren Facetten. Sowohl die überwältigenden Gefühle einer neubeginnenden Liebe als auch der Schmerz nach einer unschönen Trennung lassen sich wunderbar in Versen verarbeiten. Probieren Sie es gerne selbst mal aus! Wenn Sie aber nur ungern selbst kreativ werden wollen, können Sie sich auch einfach am Repertoire der bereits vorhandenen Liebesgedichte bedienen. Eine große Auswahl finden Sie auf dieser Seite."

Christian Morgenstern
Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
meine Seele ewige Sehnsucht trank.

Heinrich Weiß
Der Blüten viel, zum Strauß gebunden,
Gepflückt vom gold'nen Baum des Lebens –
Wenn eine nur dein Herz gefunden,
Dann war mein Streben nicht vergebens.

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Anonym
Oh dieser Abend, welch ein Abend!
Es fließt der Strom so sanft und rein.
Oh diese Stunden, was für Stunden!
Ich darf mit ihm im selben Boote sein.

Oh, ich verberge mein Erröten,
Nicht soll man schelten mich gemein.
Oh töricht Herz, warum willst du nicht brechen?
Ich weiß, ich fand den Liebsten mein.

Oh, auf dem Berge stehen Bäume,
Mit vielen Zweigen grün und dicht!
Oh, wie ich liebe meinen Liebsten!
Und doch, der Liebste weiß es nicht.

Christian Morgenstern
Sternengold entreiß ich dem nächtlichen All,
schmiede draus ein leuchtendes Diadem,
und um deine züchtige Stirne
flecht ich mit zitternder Hand es, Geliebte!

Sonnengold entwend ich dem Tagesgestirn,
winde draus einen siebenfach strahlenden Ring,
und an deine Hand, die reine,
füg ich in sprachlosem Glück ihn, Geliebte!

Blütenduft erhasch ich und Mondenglanz,
webe draus einen schimmernden Schleier dir,
und um deine Gestalt, die keusche,
lege ich zärtlich und leis ihn, Geliebte!

Was mir etwa entfiel beim wonnigen Werk,
raff ich auf und spinne mir Saiten draus,
süße, selige Weisen tönend -
alle für dich nur, für dich nur, Geliebte!

Felix Dörmann
Ich weiß, dass deine Liebe
Verkäuflich ist;
Ich weiß, dass dir der Reichste
Der Liebste ist;
Ich weiß, dass diese schäumenden Ekstasen
Erheuchelt sind,
Dass sie nur künstlich deinen Leib durchrasen,
Mein bleiches Kind;
Ich weiß, dass dieses traumverlorne Flüstern,
Dass dieser liebesirre, heiße Blick
Ein wohlgeübtes und ein oft erprobtes
Komödienstück;
Und dennoch fühl' ich mich an deinem Busen
Beglückt und reich;
Ob Wahrheit oder Lüge diese Liebe,
Mir ist es gleich!

Karl May
›Ich liebe‹ ist ein Gotteswort
›Ich liebe‹ dringt ins Herz hinein.
›Ich liebe‹ will an jedem Ort
gegeben, nur gegeben sein.
›Ich liebe‹ kam vom Himmel einst
zu dir, zu mir, zu aller Welt.
Doch ist es nicht das, was du meinst
und was als Liebe sich verstellt.
›Ich liebe‹ ist nicht ein Begehr;
›Ich liebe‹ dient und opfert nur,
und fällt dir eine Liebe schwer,
so ist sie himmlischer Natur.
Die Erde lebt seit Anbeginn
von dem, was ihr der Himmel gibt;
er aber lebt und gibt sich hin,
denn daß er lebt, heißt, daß er liebt.

Achim von Arnim
Süß Erkennen erster Liebe,
Abschied von der weiten Welt,
Aus dem Felsen schlägt sie trübe
Einen Funken, der erhellt.

Liebesgedichte ... "Wahrscheinlich hat ein Großteil der Menschen im Laufe seines Lebens irgendwann schon mal ein Liebesgedicht verfasst. Besonders in der Schulzeit war es bei vielen eine beliebte Beschäftigung und vielleicht hat man das Gedicht dann sogar seinem Schwarm zugesteckt – am besten noch mit der Frage „Willst du mit mir gehen?“ und den entsprechenden Ankreuzmöglichkeiten. Im Erwachsenenalter schreiben nur noch die wenigsten Liebesgedichte. Zum Teil liegt das auch daran, dass wir einem Perfektionismus unterliegen und befürchten, sowieso kein gutes Liebesgedicht schreiben zu können. Dichterische Meisterwerke sind wohl tatsächlich nur die wenigsten selbstverfassten Liebesverse, aber das macht auch gar nichts. Denn es geht nicht darum, die perfekten Reime zu finden, einen durchgängigen Rhythmus beizubehalten oder die ausgefallensten Metaphern zu kreieren, sondern es geht darum, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Wenn man das auch noch auf einem hohen sprachlichen Niveau hinbekommt, ist es natürlich umso besser – aber wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Denn wenn die Gefühle tatsächlich erwidert werden, wird die Beziehung sicherlich nicht an einem unreinen Gedicht scheitern!"
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Johann Georg Jacobi
Leiser nannt' ich deinen Nahmen;
Und mein Auge warb um dich:
Liebe Chloe! näher kamen
Unser beyder Herzen sich.

Und du nanntest meinen Nahmen;
Hoffen ließ dein Auge mich:
Liebe Chloe! näher kamen
Unser beyder Lippen sich.

O, es war ein süßes Neigen;
Bis wir endlich, Mund an Mund,
Fest uns hielten, ohne Zeugen:
Und geschlossen war der Bund.

Johann Wolfgang von Goethe
Wenn dir's in Kopf und Herzen schwirrt,
was willst du Bessres haben!
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
der lasse sich begraben.

Max Dauthendey
Am süßen lila Kleefeld vorbei,
Zu den Tannen, den zwei,
Mit der Bank inmitten,
Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut
Der sanfte Fjord,
Blau im Schilfgrün ausgeschnitten.

Gib mir die Hand.
Die beiden Tannen stehen so still,
Ich will dir sagen,
Was die Stille rings verschweigen will.
Gib mir die Hand ...
Gib mir in deiner Hand dein Herz.

Emanuel Geibel
Wohl lag ich einst in Gram und Schmerz,
Da weint' ich Nacht und Tag;
Nun wein' ich wieder, weil mein Herz
Sein Glück nicht fassen mag.

Mir ist's als trüg' ich in der Brust
Das ganze Himmelreich -
O höchstes Leid, o höchste Lust,
Wie seid ihr euch so gleich!

Johann Gottlieb Stephanie
Verliebte brauchen keine Zeugen,
Sie sind sich selbst genug allein!
Auch wenn sie, satt vom Reden, schweigen,
Und wenn sie schweigen,
Ist doch ihr Wunsch, allein zu sein,
Ihr Wunsch, allein zu sein.

Otfried Krzyzanowski
Durch Hoffen und durch Warten wird
Der Sinn gemein.
Du Holde! Frag nicht lang!
Will dich befrein.

Auf junge Blüten fällt
Nacht: nicht so wunderbar,
Wie gegen deinen Hals
Dämmert dein Haar.

Dein Auge fragt: Mein Wort
Klang fremd: es klang doch rein.
Oh, ich will ewig fremd
Deinem Bangen sein.

Das Müssen und das Leiden schenkt
Kein Abend so klar.
Demütig reicht die Freude
Den Becher dar.

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Friedrich Rückert
Die Liebe sprach: In der Geliebten Blicke
Mußt du den Himmel suchen, nicht die Erde,
Daß sich die beßre Kraft daran erquicke,
Und dir das Sternbild nicht zum Irrlicht werde.

Die Liebe sprach: In der Geliebten Auge
Mußt du das Licht dir suchen, nicht das Feuer,
Daß dir's zur Lamp' in dunkler Klause tauge,
Nicht dir verzehre deines Lebens Scheuer.

Die Liebe sprach: In der Geliebten Wonne
Mußt du die Flügel suchen, nicht die Fesseln,
Daß sie dich aufwärts tragen zu der Sonne,
Nicht niederziehn zu Rosen und zu Nesseln.

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